Der schmutzige Irrtum, das Energiewende-Paradox und der Klimaschutz – eine Einordnung der aktuellen Debatte

by Patrick Graichen • 16. Dezember 2014

Green RoundTable hatte den Grünen Bundestagsabgeordneten, Herrn Oliver Krischer MdB, der zugleich auch Mitglied im ThinkTank „Agora Energiewende“ ist, gebeten, den Artikel „Wir haben uns geirrt“ aus seiner Sicht zu kommentieren.
Eine Reaktion von Herrn Krischer ist ausgeblieben.
Statt dessen hat man uns den folgenden Beitrag von Patrick Graichen übermittelt.
Wir drucken diesen ohne jede redaktionelle Bearbeitung original im Folgenden ab.

Damit sich jeder seine eigene Meinung bilden möge.

Und um Missverständnissen vorzubeugen: Green RoundTable ist nur fokussiert auf die Südpfalz. Von der grossen Politik halten wir uns fern.
Wir wollen aber der örtlichen Bevölkerung eine parteipolitisch neutrale Plattform bieten, sich dazu zu äussern, ob unter dem Deckmantel der Energiewende – die wir alle wollen – tatsächlich auch unser Pfälzerwald mit Windmühlen verschandelt werden muss. Das jedenfalls wollen die Kommunalpolitiker in den Verbandsgemeinden Hauenstein, Annweiler, Landau-Land und Stadt Landau.

 

Ist die Energiewende ein „schmutziger Irrtum“, wie es der ZEIT-Autor Frank Drieschner jüngst formuliert hat? Oder ist sie vielmehr eine „saubere Wende“, wie es in der Replik von Energie-Staatssekretär Rainer Baake heißt, die ebenfalls in der ZEIT erschien?

Da Drieschner sich auf das von Agora Energiewende Anfang 2014 thematisierte  Energiewende-Paradox stützt, sein Text jedoch wesentliche Teile meiner Äußerungen in diesem Zusammenhang unter den Tisch fallen lässt (und so einen äußerst missverständlichen Eindruck erzeugt), soll im Folgenden erläutert werden:

  1. was es eigentlich mit dem Energiewende-Paradox genau auf sich hat;
  2. worin der von Frank Drieschner skandalisierte Irrtum tatsächlich liegt;
  3. was jetzt getan werden kann, um dem Problem zu begegnen.

1. Was es mit dem Energiewende-Paradox auf sich hat

In den Jahren 2012 und 2013 stiegen die CO2-Emissionen der deutschen Stromerzeugung deutlich an und zwar um 13 Millionen Tonnen von 2011 auf 2013. Gleichzeitig nahm die Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien im gleichen Zeitraum um 27 Terawattstunden ebenfalls deutlich zu. Diese auf den ersten Blick widersprüchliche Entwicklung haben wir von Agora Energiewende Anfang 2014 als Energiewende-Paradox bezeichnet.

Sucht man die Ursache dafür, so scheidet eine nahliegende Erklärung von vornherein aus: Am Atomausstieg liegt es nicht. Denn 2012 und 2013 wurde kein Kernkraftwerk stillgelegt und die Stromerzeugung aus den bestehenden Kernkraftwerken sank lediglich um knapp 11 Terawattstunden. Die Erneuerbaren Energien haben also den Rückgang der Stromerzeugung aus Kernenergie mehr als ausgeglichen.

Die Ursache für das Paradox liegt woanders und zwar in der Entwicklung der Stromerzeugung aus Kohle und Gas: So hat auf der einen Seite von 2011 bis 2013 die Stromerzeugung aus CO2-intensiver Braun- und Steinkohle um 20 Terawattstunden zugenommen, während auf der anderen Seite die Stromerzeugung aus dem klimaschonenderen Erdgas um fast den gleichen Betrag abnahm. Parallel dazu legten die Erneuerbaren zu und die deutsche Stromnachfrage sank. Im Ergebnis wurde zusätzlicher Kohlestrom produziert, der in Deutschland jedoch nicht gebraucht wurde, sondern in unsere Nachbarländer floss: Von 2011 bis 2013 stiegen die Stromexporte um 28 Terawattstunden an. Das Jahr 2013 verzeichnete daher ein Allzeitrekord im Stromexport.

Der Kern des Energiewende-Paradox lautet insofern: Deutsche Kohlekraftwerke haben Gaskraftwerke in Deutschland und in unseren Nachbarländern verdrängt, vor allem in den Niederlanden und in  Österreich.

2. Der Irrtum oder: Warum wurde diese Entwicklung nicht vorhergesehen?

Frank Drieschner und etliche Kommentatoren der beiden ZEIT-Artikel argumentieren nun, dass die Energiewende augenscheinlich nicht funktioniere und das alles vorhersehbar gewesen sei, schließlich kenne man den Merit-Order-Effekt seit Jahren – aber die Umwelt-Forschungseinrichtungen als „politisch-industrieller Komplex der Erneuerbaren“ hätten dies nicht wahrhaben wollen. Der Merit-Order-Effekt besagt, kurz zusammengefasst, dass der zusätzliche Strom aus Erneuerbaren Energien an der Strombörse immer jenes Kraftwerk verdrängt, das zum jeweiligen Zeitpunkt die höchsten variablen Produktionskosten (die so genannten Grenzkosten) hat. Da dies, so Drieschner, immer und grundsätzlich ein Gaskraftwerk sei, verdränge Strom aus Erneuerbaren Energien eben immer Gas und nie Kohle. Die Kohlekraftwerke aber würden weiter produzieren. Ergebnis: Die Energiewende mache die Luft nicht sauberer, sondern dreckiger.

Abgesehen davon, dass die Luft wohl kaum sauberer wäre, wenn wir keinen Zuwachs an Erneuerbaren gehabt hätten, ist der Fehler dieser Argumentation, dass sie statisch ist: Es wird so getan, als sei die heutige Situation gottgegeben und Gaskraftwerke hätten immer schon höhere Stromerzeugungskosten als Kohlekraftwerke gehabt. Die merit order, also die Einsatzreihenfolge der Kraftwerke, ist aber dynamisch: Sie ändert sich in Abhängigkeit der Brennstoff- und CO2-Preise.

Tatsächlich liegen die Stromgestehungskosten in neuen Gaskraftwerke zwar seit jeher über denen von alten Braunkohlekraftwerken, aber vor einigen Jahren – nämlich zwischen 2008 und 2011 – lagen sie unter denen von alten Steinkohlekraftwerken (vgl. Abbildung). Daher standen die neuen Gaskraftwerke auch vor alten Steinkohlekraftwerken in der merit order. In den Jahren bis 2011 galt insofern: Erneuerbare Energien verdrängen erst den Strom aus alten Gaskraftwerken, dann den aus alten Steinkohlekraftwerken – und erst danach, also bei hohen Anteilen erneuerbarer Energien, den aus neuen Gaskraftwerken. Dies haben viele energiewirtschaftliche Modelle auch so in die Zukunft fortgeschrieben.

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Seit Ende 2011 ist die Situation allerdings anders: Sowohl die Kohle- als auch die CO2-Preise haben sich seither an der Börse in Leipzig mehr als halbiert, während der Gaspreis in etwa konstant geblieben ist. Alte Kohlekraftwerke produzieren daher heute zu 50 Prozent geringeren Kosten Strom als noch 2008 und damit deutlich günstiger als neue Gaskraftwerke. Ergo verdrängen sie aktuell Gaskraftwerke, wo immer sie können.

Worin liegt nun der Irrtum der Gutachter-Branche, der dazu geführt hat, dass die Entwicklung steigender CO2-Emissionen nicht vorhergesehen wurde? Exemplarisch sei hier auf das Gutachten von EWI/Prognos von August 2010 verwiesen, das Grundlage für das Energiekonzept der schwarz-gelben Bundesregierung war und dessen Autoren wohl kaum eine Nähe zur Umweltszene nachgesagt werden kann. Gegenüber der heutigen Situation zeigen sich zwei wesentliche Fehlannahmen:

  • Das Zusammenbrechen des EU-Emissionshandels ist nicht prognostiziert worden. Das Gutachten geht davon aus, dass der CO2-Preis im Jahr 2020 bei 20 Euro (zzgl. Inflation gegenüber 2008) liegen würde und nicht bei nur noch 4,50 Euro pro Tonne, dem tatsächlichen Niveau von 2013. EWI/Prognos haben eben nicht – genauso wenig wie alle anderen Gutachter der Branche – vorhergesehen, dass der EU-Emissionshandel heute unter einem Zertifikate-Überschuss von 2,5 Milliarden Tonnen CO2 leidet. Dieser Überschuss wurde verursacht durch die anhaltende EU-Wirtschaftskrise sowie den massenhaften Import von Billig-Zertifikaten aus China, Russland und Ukraine in den Jahren 2011 und 2012.
  • Die technische Lebensdauer von Kohlekraftwerken wird von EWI/Prognos –  und ebenso von vielen anderen Gutachtern – pauschal mit 45 Jahren angenommen. Dann gehen die Kraftwerne den Studien zufolge von alleine aus dem Markt. Dies ist in Ermangelung von exakten betriebswirtschaftlichen Kenntnissen zu den einzelnen Kraftwerken eine nicht unplausible Annahme. In der Realität zeigt sich nun aber, dass etliche Kohlekraftwerke auch mit einem Alter von 50 Jahren und mehr noch in Betrieb sind – und dadurch in der merit order Plätze besetzen, die ansonsten klimafreundlichere Kraftwerke einnehmen würden.

Im Ergebnis prognostizierten EWI/Prognos im Referenzszenario für 2020 deutlich weniger Stromerzeugung aus Kohle und einen deutlich geringeren Netto-Stromexport als wir ihn 2013 erlebt haben – jeweils etwa 20 Terawattstunden. Das macht mehr als 20 Millionen Tonnen CO2 aus.

3. Was muss jetzt getan werden, um dem Problem zu begegnen?

Während beim Ausbau der Erneuerbaren Energien und bei dem Ausstieg aus der Kernenergie eigene Gesetze und Regularien dafür sorgen, dass der Umbau der Stromversorgung gelingt, hat die Energiepolitik den fossilen Teil des Strommarkts sich selbst überlassen – in der Erwartung, dass der EU-Emissionshandel den effizienten Brennstoffwechsel von Kohle zu Gas mit sich bringen würde.

Heute müssen wir feststellen, dass der EU-Emissionshandel das nicht leistet und auch auf absehbare Zeit nicht leisten wird. Dies gilt umso mehr, als dass die Gas- und Kohlepreise sich derart auseinander entwickelt haben, dass der CO2-Preis jetzt deutlich höher sein müsste als noch 2010, um effiziente Gaskraftwerke anstelle von alten und ineffizienten Kohlekraftwerken laufen zu lassen. Die Leerstelle „Umgang mit den fossile Energien“ im Konzept der Energiewende ist daher nur politisch zu füllen, der heutige Markt kann das nicht leisten.

Die Debatte zum Design des künftigen Strommarktes, die mit dem Grünbuch begonnenen wurde, muss deshalb mit der Klimaschutzfrage verbunden werden. Es macht aus klimapolitischer Sicht einen erheblichen Unterschied, ob man alte Kohlekraftwerke oder aber neue Gaskraftwerke vom Markt nimmt und in eine (nur für den Notfall bereitgehaltenen) Kapazitätsreserve packt. Gleichermaßen ist es für die langfristige Entwicklung der Treibhausgas-Emissionen hoch relevant, ob ein möglicher Kapazitätsmarkt auch alte und CO2-intensive Kraftwerke vergütet (und sie so im Markt hält), oder ob er eher flexible und CO2-arme Kraftwerke finanziert.

Kurz: Die Strommarkt-Diskussion und die Klimaschutz-Debatte wurde viel zu lange separat geführt – jetzt ist es höchste Zeit, sie zusammenzudenken. Nur dann sind die deutschen Klimaschutzziele von minus 40 Prozent Treibhausgasemissionen bis 2020 und minus 55 Prozent bis 2030 erreichbar.

 

2 Gedanken zu “Der schmutzige Irrtum, das Energiewende-Paradox und der Klimaschutz – eine Einordnung der aktuellen Debatte

  1. Hallo an alle…
    Ein Link zu einer aktuellen Agora-Studie. Sieht grundsätzlich gut aus für die Energiewende! …und, man könnte es noch besser machen.

    http://www.agora-energiewende.de/fileadmin/downloads/publikationen/Analysen/Jahresauswertung_2014/Agora_Energiewende_Jahresauswertung_2014_DE.pdf

    Zu dem Beitrag
    “Karl Rahm sagte am 4. Januar 2015 um 18:20 :D eutschlands Beitrag zum CO2-Ausstoß”
    folgendes:

    Das Problem ist zu komplex, als dass es mit den Grundrechenarten zu beschreiben wäre. Insofern suggeriert die „Rechnung“ das, was der Autor gerne glaubt. Es ist aber Quatsch.

    Herzlichen Gruß
    Peter Schieler

  2. Deutschlands Beitrag zum CO2-Ausstoß:

    Die Luft enthält 0,039% CO2.
    3% davon wird vom Menschen produziert: 3% von 0,039% sind 0,00117%.
    Zu diesen vom Menschen verursachten 0,00117% trägt Deutschland mit 3,1% bei: also 0,0000362%.
    Wenn wir davon bis 2030 40% einsparen, produzieren wir immerhin 0,00001304% weniger, also nur noch 0,00002316 %.
    Ist das nicht 1 Billion Euro wert (die das laut Ex-Umweltminister Altmaier kosten soll)?
    Freilich müsste man noch berücksichtigen, dass Deutschlands CO2-Produktion im Verhältnis zu der von China Indien, etc. im Laufe von 15 Jahren gewaltig schrumpfen wird.

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